Die Lieferkette — im Englischen Supply Chain — beschreibt den kompletten Weg eines Textilprodukts von der Rohstoffgewinnung bis zur Auslieferung an den Endkunden. Bei einem einfachen Baumwoll-T-Shirt sind das mindestens sechs Stationen: Baumwollanbau, Entkörnung, Spinnerei, Weberei oder Strickerei, Färberei und Konfektion. In der Praxis sitzen diese Stationen oft in verschiedenen Ländern, manchmal auf verschiedenen Kontinenten. Ein einzelnes Kleidungsstück kann 15.000 Kilometer zurücklegen, bevor es im Lager ankommt.
Stationen der textilen Lieferkette
Jede Station bringt eigene Akteure, Risiken und Qualitätsanforderungen mit:
- Rohstoffgewinnung — Anbau von Baumwolle, Schafzucht für Wolle, Holzwirtschaft für Zellulosefasern oder Petrochemie für synthetische Fasern. Hier entscheidet sich ein grosser Teil des ökologischen Fussabdrucks
- Faseraufbereitung und Spinnerei — Rohfasern werden gereinigt, gekämmt und zu Garnen versponnen. Die Spinnqualität beeinflusst Griffigkeit, Festigkeit und Pillingverhalten des fertigen Stoffs
- Flächenherstellung — Garne werden zu Geweben (Weberei), Maschenwaren (Strickerei) oder Vliesstoffen verarbeitet. Jedes Verfahren erzeugt andere Stoffeigenschaften
- Veredlung — Bleichen, Färben, Bedrucken, Ausrüsten. Dieser Schritt hat den höchsten Wasserverbrauch und Chemikalieneinsatz in der gesamten Kette
- Konfektion — Zuschnitt, Nähen, Bügeln, Qualitätskontrolle, Verpackung. Die arbeitsintensivste Stufe mit den grössten sozialen Risiken
- Logistik und Distribution — Transport per Schiff, LKW oder Luftfracht, Zollabwicklung, Lagerhaltung, Kommissionierung
Warum Lieferketten in der Textilindustrie besonders komplex sind
Textillieferketten gehören zu den fragmentiertesten aller Industriezweige. Eine europäische Modemarke hat im Durchschnitt Geschäftsbeziehungen zu mehreren hundert Zulieferbetrieben — die meisten davon nicht in Direktbeauftragung, sondern über Agenten und Subunternehmer. Je weiter man in der Kette zurückgeht, desto geringer wird die Transparenz. Viele Marken kennen ihre Nähbetriebe (Tier 1), haben aber kaum Einblick in die Spinnereien (Tier 2) oder den Faseranbau (Tier 3).
Diese Intransparenz ist kein Zufall. Das System aus Agenten, Sub-Subunternehmen und kurzfristigen Auftragsvergaben hat sich über Jahrzehnte entwickelt, weil es flexibel und kostengünstig ist. Genau das macht es aber auch anfällig für Missstände: Wenn eine Näherei einen Auftrag an einen Subunternehmer weitergibt, von dem die auftraggebende Marke nichts weiss, verlieren auch die besten Audit-Programme ihre Wirkung.
Gesetzliche Sorgfaltspflichten
Der Gesetzgeber hat erkannt, dass freiwillige Selbstverpflichtungen nicht ausreichen:
- Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) — Seit 2023 in Deutschland gültig für Unternehmen ab 1.000 Beschäftigten. Verpflichtet zur Risikoanalyse, Prävention und Abhilfe bei Menschenrechtsverletzungen und bestimmten Umweltschäden in der eigenen Lieferkette
- EU-Lieferkettenrichtlinie (CSDDD) — 2024 verabschiedet, weitet die Sorgfaltspflichten auf weitere Unternehmen aus und ergänzt sie um Klimaziele. Die Umsetzung in nationales Recht wird schrittweise erfolgen
- EU-Entwaldungsverordnung — Betrifft Textilien aus Leder und Kautschuk und verlangt den Nachweis, dass keine Entwaldung in der Lieferkette stattgefunden hat
Für Unternehmen bedeutet das: Auch wer nicht direkt unter diese Gesetze fällt, wird von seinen grösseren Geschäftspartnern zunehmend aufgefordert, Informationen über die eigene Lieferkette offenzulegen.
Lieferkettentransparenz in der Corporate Fashion
Für Unternehmen, die Firmenbekleidung beschaffen, ist die Lieferkette kein abstraktes Thema. Wer Mitarbeitende in gebrandete Kleidung steckt, übernimmt auch Verantwortung dafür, unter welchen Bedingungen diese Kleidung entstanden ist. Negativschlagzeilen über Zulieferer können direkt auf die eigene Marke zurückfallen.
Konkret heisst das: Bei der Beschaffung von Corporate Fashion lohnt es sich, nicht nur nach Preis und Lieferzeit zu fragen, sondern auch danach, welche Produktionsstätten eingesetzt werden, ob Zertifizierungen vorliegen und ob der Lieferant seine Lieferkette dokumentieren kann. Hersteller, die Standards wie GOTS oder Fair Wear erfüllen, müssen diese Transparenz ohnehin bieten.
Mini-FAQ
Was ist der Unterschied zwischen Lieferkette und Wertschöpfungskette? Die Lieferkette beschreibt den physischen Weg des Produkts und die beteiligten Unternehmen. Die Wertschöpfungskette ist ein breiteres Konzept und schliesst auch immaterielle Wertschöpfung ein — etwa Design, Marketing und Kundendienst. In der Praxis werden die Begriffe oft synonym verwendet.
Was sind Tier-1- und Tier-2-Lieferanten? Tier 1 bezeichnet die direkten Zulieferer eines Unternehmens — bei Textilien meist die Nähbetriebe. Tier 2 sind die Zulieferer der Zulieferer, also Färbereien, Webereien oder Strickereien. Tier 3 umfasst Spinnereien und Rohstofflieferanten. Je höher die Tier-Zahl, desto geringer ist in der Regel die Transparenz.
Muss mein Unternehmen das Lieferkettengesetz einhalten? Das LkSG gilt ab 1.000 Beschäftigten. Aber auch kleinere Unternehmen sind indirekt betroffen, wenn ihre Geschäftspartner Informationen zur Lieferkette einfordern. Zudem wird der Kreis der verpflichteten Unternehmen durch die EU-Richtlinie voraussichtlich noch wachsen.