Was ist der Water Footprint?
Der Water Footprint — auf Deutsch Wasser-Fussabdruck — misst den gesamten Wasserverbrauch, der mit der Herstellung eines Produkts, dem Betrieb eines Unternehmens oder dem Konsum einer Person verbunden ist. Anders als der reine Leitungswasserverbrauch erfasst er auch das Wasser, das in vorgelagerten Produktionsschritten eingesetzt wird und auf den ersten Blick unsichtbar bleibt.
Das Konzept wurde 2002 von Arjen Hoekstra an der Universität Twente entwickelt und hat sich seither als wichtiges Instrument der Nachhaltigkeitsbewertung etabliert — besonders in wasserintensiven Branchen wie der Textilindustrie.
Drei Arten von Wasser
Der Water Footprint unterscheidet drei Wassertypen, die jeweils unterschiedliche ökologische Auswirkungen haben:
- Grünes Wasser — Regenwasser, das im Boden gespeichert ist und von Pflanzen aufgenommen wird. In der Textilindustrie ist das vor allem das Wasser, das für den Anbau von Baumwolle, Flachs oder Hanf benötigt wird. Grünes Wasser ist in der Regel die am wenigsten kritische Kategorie, da es Teil des natürlichen Wasserkreislaufs ist
- Blaues Wasser — Oberflächen- und Grundwasser, das aktiv entnommen wird. In der Textilproduktion fällt blauer Wasserverbrauch vor allem bei der Bewässerung von Baumwollfeldern, beim Färben, Bleichen und Waschen an. In wasserarmen Regionen ist diese Entnahme besonders problematisch
- Graues Wasser — Das Wasservolumen, das benötigt wird, um die bei der Produktion entstehende Verschmutzung so weit zu verdünnen, dass die Wasserqualität den geltenden Standards entspricht. Färbereien und Veredlungsbetriebe in der Textilindustrie sind bedeutende Quellen von grauem Wasser
Virtuelles Wasser
Eng verwandt mit dem Water Footprint ist das Konzept des virtuellen Wassers. Damit wird das Wasser bezeichnet, das in einem Produkt steckt, ohne dass es physisch sichtbar ist. Die Zahlen sind eindrücklich: Für die Herstellung eines einzigen Baumwoll-T-Shirts werden rund 2.700 Liter Wasser benötigt. Eine Jeans schlägt mit etwa 8.000 Litern zu Buche. Zum Vergleich: Ein Kilogramm Schokolade hat einen virtuellen Wasserverbrauch von rund 18.000 Litern.
Virtuelles Wasser macht sichtbar, dass der tatsächliche Wasserverbrauch einer Gesellschaft weit über den Leitungswasserverbrauch hinausgeht. Industrieländer importieren über Produkte grosse Mengen virtuelles Wasser aus Regionen, die häufig selbst unter Wasserknappheit leiden.
Wasserknappheit und die Textilindustrie
Die Textilindustrie ist einer der wasserintensivsten Wirtschaftszweige weltweit. Gleichzeitig befinden sich viele Produktionsstandorte in Regionen mit zunehmendem Wasserstress — etwa in Teilen Indiens, Pakistans, Bangladeschs und der Türkei. Der Aralsee, einst eines der grössten Binnengewässer der Erde, ist durch die intensive Bewässerung von Baumwollfeldern in Zentralasien auf einen Bruchteil seiner ursprünglichen Grösse geschrumpft.
Diese Zusammenhänge machen den Water Footprint zu mehr als einer abstrakten Kennzahl: Er zeigt die realen ökologischen und sozialen Folgen von Produktionsentscheidungen auf.
Reduktionsstrategien für die Textilindustrie
Die Branche arbeitet an verschiedenen Ansätzen, um den Water Footprint zu senken:
- Wassereffiziente Färbeverfahren — Technologien wie die Spinndüsenfärbung (Dope Dyeing) oder wasserlose Färbung mit überkritischem CO2 reduzieren den Wasserverbrauch im Veredlungsprozess um bis zu 90 Prozent
- Recyclingfasern — Textilrecycling spart nicht nur Rohstoffe, sondern auch das Wasser, das für den Anbau neuer Fasern benötigt würde
- Biologischer Anbau — Bio-Baumwolle benötigt je nach Region und Methode weniger Bewässerung, da der Fokus auf gesunden Böden mit höherer Wasserspeicherkapazität liegt
- Kreislaufwirtschaft — Geschlossene Wasserkreisläufe in Produktionsstätten reinigen Prozesswasser und führen es dem Produktionsprozess wieder zu
- Materialinnovation — Fasern wie Lyocell (Tencel) werden in einem geschlossenen Kreislauf hergestellt, bei dem über 99 Prozent des Lösungsmittels zurückgewonnen werden
Water Footprint und Corporate Fashion
Für Unternehmen, die Corporate Fashion beschaffen, ist der Water Footprint ein relevantes Kriterium bei der Materialauswahl und der Wahl der Lieferanten. Die bewusste Entscheidung für wassereffizient produzierte Materialien, zertifizierte Stoffe oder Recyclingfasern kann den ökologischen Fussabdruck der Firmenbekleidung erheblich reduzieren.
Zertifizierungen wie GOTS (Global Organic Textile Standard) oder der Blaue Engel setzen Grenzwerte für den Wasserverbrauch und die Abwasserqualität in der Produktion. Sie bieten Orientierung für eine verantwortungsvolle Beschaffung.
Mini-FAQ
Wie viel Wasser braucht ein T-Shirt? Rund 2.700 Liter — vom Baumwollanbau über Spinnerei, Weberei und Färberei bis zum fertigen Produkt. Der grösste Anteil entfällt auf die Bewässerung der Baumwollfelder.
Was ist der Unterschied zwischen Water Footprint und virtuellem Wasser? Virtuelles Wasser beziffert die Wassermenge, die in einem konkreten Produkt steckt. Der Water Footprint ist das umfassendere Konzept und kann sich auf Produkte, Unternehmen, Branchen oder ganze Länder beziehen. Er unterscheidet zudem zwischen grünem, blauem und grauem Wasser.
Kann man den Water Footprint von Textilien reduzieren? Ja, und zwar auf mehreren Ebenen: durch die Wahl wassereffizienter Materialien, durch moderne Färbe- und Veredlungsverfahren, durch Recycling und Kreislaufwirtschaft sowie durch die Auswahl von Produktionsstandorten mit verantwortungsvollem Wassermanagement.